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Rudolph-von Raumer-Preis

Der Verein Alumni Germanistik Erlangen vergibt jedes Jahr einen mit 500 € dotierten Preis für eine herausragende Abschlussarbeit.

Dieser Preis ist nach dem ersten Inhaber eines Germanistischen Lehrstuhls an der Universität Erlangen, Rudolf von Raumer (1815-1876), benannt.

Horst Haider Munske: Rudolf von Raumer

Wer war Rudolf von Raumer? Warum wurde der Preis für eine herausragende Abschlussarbeit der Vereins Alumni Germanistik Erlangen nach ihm benannt? Wir erinnern damit an einen bedeutenden Gelehrten und zugleich an die Institutionalisierung der Germanistik an der Universität Erlangen. Denn 1852 wurde erstmals und eigens für Rudolf von Raumer eine ordentliche Professur für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Erlangen eingerichtet. Zahlreiche seiner Publikationen werden bis heute studiert und zitiert. Eine tiefgreifende Wirkung erzielte sein Engagement für eine Vereinheitlichung und behutsame Reform der deutschen Rechtschreibung. Rudolf von Raumer wurde 1815 in Breslau geboren, er kam durch die Berufung seines Vaters Karl Georg von Raumer auf eine Professur für Naturgeschichte und Mineralogie nach Erlangen.1 Hier studierte er Klassische Philologie und Orientalistik, u. a. bei Friedrich Rückert, sowie in Göttingen Germanische Sprachen bei Jacob Grimm. Er wurde 1839 in Erlangen promoviert und 1840 habilitiert. Rudolf von Raumer beteiligte sich früh an der damaligen Debatte um eine Reform der deutschen Rechtschreibung (Über deutsche Rechtschreibung Wien 1855)2, wobei er – im Gegensatz zur historischen Schule Jacob Grimms und seines Schülers Karl Weinhold – eine funktionsbezogene, synchrone Position entwickelte, die den Bedürfnissen der Schule entgegenkam. Sein Motto Bringe deine Schrift und deine Aussprache in Übereinstimmung fand alsbald wachsende Zustimmung. So schlug 1872 eine Delegiertenversammlung der deutschen Schulverwaltungen dem preußischen Kultusminister Falk vor, von Raumer mit der Ausarbeitung eines Entwurfs zu beauftragen, der als Beratungsgrundlage der geplanten Berliner Rechtschreibkonferenz dienten sollte. Von Raumer erhielt und erfüllte diesen Auftrag. Seine Vorlage wurde auf der elftägigen Konferenz ausführlich diskutiert3, doch wurden die mehrheitlich gefassten Beschlüsse wegen heftiger Widerstände in der Öffentlichkeit sowie des Reichskanzlers Bismarck nicht wie ursprünglich geplant reichseinheitlich umgesetzt. Nur Preußen und Bayern haben die meisten Raumer’schen Regeln alsbald eingeführt. Rudolf von Raumer erlebte dies nicht, er verstarb im August 1876, ein halbes Jahr nach der Berliner Konferenz. Sein Werk wurde insbesondere von Wilhelm Wilmanns in seinem Kommentar zur Preußischen Schulorthographie (1880)4 und Konrad Dudens epochemachendem Werk Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Nach den neuen preußischen und bayerischen Regeln (1880) fortgesetzt. Auf dieser Grundlage wurde dann auf der zweiten Berliner Rechtschreibkonferenz 1901 eine schnelle Einigung erzielt. Der frühe Tod von Raumers hat dessen Bedeutung für die deutsche Rechtschreibung in den Hintergrund treten lassen. Erst die neuerliche Reformdebatte seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts führte wieder zu einer angemessenen Würdigung seiner Leistungen. So weist Dieter Nerius, der beste Kenner der neueren deutschen Orthographiegeschichte, daraufhin, dass „ R. von Raumer die theoretisch bestimmende und K. Duden eher die ausführende Rolle in der letzten Phase der Herausbildung einer einheitlichen deutschen Orthographie zukommt“.5 Viele Punkte seiner Vorschläge sind in jüngster Zeit neu diskutiert worden, z. B. die spezifisch deutsche Groß- und Kleinschreibung.6 Feststeht: von Raumers Einsichten haben die deutsche Rechtschreibung entscheidend geprägt. Unter seinen Zeitgenossen gründete sich Rudolf von Raumers wissenschaftlicher Ruhm vor allem auf seine umfangreiche 743seitige Geschichte der Germanischen Philologie, vorzugsweise in Deutschland (München 1870). Über sie schrieb der spätere maßgebliche Biograph der Germanistik, Josef Dünninger: „ Dieses umfangreiche und tiefgründige Werk ist die bis heute noch nicht ersetzte Grundlage der Forschung und verdient nicht nur ob seines unerschöpflichen Reichtums und seiner thematischen Vollständigkeit, sondern vor allem wegen seines geschichtlichen Weitblicks unsere Bewunderung.“ 7 Eine ausführliche Würdigung Rudolf von Raumers gab sein Nachfolger auf dem Erlanger Lehrstuhl, Elias von Steinmeyer in Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Band 27 (1888), S. 423-429, eine knappere Irena Regener in Neue Deutsche Biographie (NDB) Band 21 (2003), S. 203f.

1 Karl Georg Raumer (1783 – 1863) erhielt 1861 für sein soziales und missionarisches Engagement das Ehrenbürgerrecht der Stadt Erlangen. Nach ihm wurde 1887 auf Antrag der Universität die Raumerstraße benannt. (Vgl. Hans-Diether Dörfler: Schildergeschichten. Das Lexikon aller Erlanger Straßennamen. Erlangen 2009, S. 167)
2 Wiederabgedruckt in: Rudolf von Raumer: Gesammelte sprachwissenschaftliche Schriften. Frankfurt/Erlangen 1863
3 Die Vorlage von Raumers und ein ausführliches Protokoll sind abgedruckt in: Verhandlungen der zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung berufenen Konferenz. Berlin, den 4. bis 15. Januar 1876. Halle.
4 Die zweite Auflage des Werkes vom Jahre 1887, die den veränderten Titel Die Orthographie an den Schulen Deutschlands trägt, wurde 2005 von Friedhelm Debus in der Reihe Documenta Othographica. Quellen zur Geschichte der deutschen Orthographie von 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart wieder nachgedruckt.
5 Dieter Nerius: Rudolf von Raumer und die I. Orthographische Konferenz von 1876. In: Wortschatz und Orthographie in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Horst Haider Munske zum 65. Geburtstag. Tübingen 2000, S. 69 –78, hier S. 69.
6 Vgl. dazu Horst Haider Munske: Orthographie als Sprachkultur. Frankfurt 1997, S. 233 bis 279 sowie ders.: Lob der Rechtschreibung. Warum wir schreiben, wie wir schreiben. München 2005, S. 73 bis 97.
7 Josef Dünninger: Geschichte der deutschen Philologie. In: Wolfgang Stammler: Deutsche Philologie im Aufriß. 2. überarb. Auflage. Berlin 1957, Bd. 1, S. 83.

Unsere Preisträger
Jahr Preisträger Teilfach/Betreuer Titel der Arbeit
2009 Elke Roeder NdL/Prof. Dr. Dirk Niefanger Stoizismus und Liebe bei Paul Fleming und Durs Grünbein
2010 Agnes Bidmon NdL/ Prof. Dr. Christine Lubkoll Begegnungen. Intertextualität als ethisches Schreibverfahren von Moderne bis Gegenwart.
2011 Frieder Krauß NdL/Prof. Dr. Christine Lubkoll Leerstellen mit besonderem Offenheitspotenzial: Gründe für ein kafkaeskes Leseerlebnis
2012 Lena Büttner Mediävistik/Prof. Dr. Susanne Köbele Zwischen Topos und Utopos. Garten, Grotte und Wald im Tristan-Stoff.
2013/2014 Regina Sichert Linguistik/Prof. Dr. Sebastian Kürschner Korpusbasierte Untersuchungen zur Sprache in der Kommunikationsform Twitter mit kontrastiver Perspektive auf den Short Message Service (SMS)
2015 Anna Hampel NdL/Prof. Dr. Christine Lubkoll – Ich erinnere Dich. Ich erzähle Dich. Ich rette Dich –  Erinnern und Erzählen in David Grossmanns Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“
2016 Marie-Christine Orth NdL/Prof. Dr. Dirk Niefanger Die Dialektik der Décadence in Eduard von Keyserlings Schlossgeschichten. Eine Untersuchung zu Motiven und Erzählverfahren
2017 Vera Podskalsky NdL/Prof. Dr. Christine Lubkoll „Vorsicht Satire!“ Jan Böhmermann und DIE PARTEI:Neue Formen der Satire im 21. Jahrhundert und ihre ethische (Un-)Begrenztheit
2018 Daniela Knauer Linguistik/Dr. Christine Ganslmayer Untersuchung zur Vorhersagbarkeit flexionsmorphologischen Wandels:Die Veränderung der Zugehörigkeit von Substantiven zur Klasse der schwachen Maskulina
2019