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Med VM: Titurel

Dozent/in
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Zeit/Ort n.V.
Inhalt

Warum die altgermanistische Forschung ein in 2 Blöcke zerfallendes Fragmemt von nur ca. 175 Strophen, mit einer nicht tentativ noch sonst zu schließenden Handlungslücke, unisono zu einem ihrer Höhenkammtexte erklärt, muss |a priori| nicht jedem einleuchten. Wer den kleinen Text (so nebenbei: Ist das überhaupt ein Text? Was ist ein Text eigentlich?) liest (und ein bisschen Sinn für Sprachästhetik hat), merkt es schnell: Dieses kuriose, unvollendet in der Luft hängende "Parzival"-Spinoff ist eines der poetisch geschliffensten, der am raffiniertesten semantisierten Meisterstücke der deutschen Literaturgeschichte. Erzählt wird zunächst – mit feinem Humor und tiefem Verständnis für das Allzumenschliche - von der amourösen Annährung zweier hochadliger Teenager; schließlich von der Begegnung der beiden mit einem äußerst elusiven Jagdhund, dessen prächtige Leine mit einer – traurigen – Minnegeschichte beschriftet ist. Wie Hund und Leine - damit die Geschichte in der Geschichte - den Liebenden, entgleitet die unter bösen Omen abbrechende Geschichte dem Leser. Nur ein Zufall? In einem literarhistorisch orientierten Seminar wollen wir v.a. die Thematisierung zeittypischer Diskurse in den Blick nehmen, also: den "Titurel" zu begreifen versuchen als eine Geschichte über Minne, Kampf, Geschlechterrollen, Genealogie; aber eben nicht als ein Musterbeispiel, sondern als einen komplexen Sonderfall, der zu vielen Konventionen quersteht – ebenso wie seine einzigartige poetische Faktur. Und schließlich sollten wir nicht vergessen, dass das Erzählen samt der Schwierigkeit, es zu fassen, zu begreifen, hier zum Gegenstand seiner selbst wird – auf dem Brackenseil.

Zusätzliche Informationen

Erwartete Teilnehmerzahl: 30